FREIHEIT

 

 

 

 

Ü B E R   D E N   W O L K E N . . .

 

... muß die Freiheit wohl grenzenlos sein... Reinhard Mey besingt hier, was wir gerne mit Freiheit verwechseln: Ungebundenheit, den Wegfall von Strukturen und Hierarchien. Aber wenn auch "alle Ängste, alle Sorgen" dort oben weg sind, Zeitmangel, ein belastender Beruf, Krankheit: weg sind auch Konzerte, Internet, Gefäßchirurgie, öffentlicher Verkehr oder Waldspaziergänge. Denn jeder Baum- igitt!- ist ein lebendes hierarchisches System. Statt dessen nur noch Wasserdampf. Ist das Freiheit?

  Freiheit dagegen mit dem Wegfall von Notwendigkeit zu definieren, führte schon Arthur Schopenhauer zu dem unangenehmen Folgegedanken, daß absolute Freiheit mit dem Zufälligen, dem Chaos gleichzusetzen wäre. Und kann unser Wille jemals frei sein, oder bestenfalls unsere Handlungen? Wie der Königsberger Meister formulierte, kann man zwar manchmal tun, was man will, aber kann man wollen, was man will? Wenn man z.B. einen Kreativkurs besuchen will, kann man bestimmt viele Gründe dafür anführen. Darüberhinaus spielen aber in das Zustandekommen dieses Wollens noch unzählige uns unbewußte und unkontrollierbare Faktoren hinein, von frühkindlichen Erlebnissen bis zu visuellen Eindrücken der letzten Autofahrt. In unserem Gehirn spielt ständig ein gewaltiges Konzert, von dem nur wenige Töne überhaupt ins Bewußtsein dringen. Willensfreiheit ist ein schönes Wort, kaum mehr.

  Hat man aber einen Moment von Handlungsfreiheit  und kann den Kurs während einiger Urlaubstage tatsächlich besuchen, fühlt man sich, weil Wollen und Können bzw. Müssen ausnahmsweise deckungsgleich sind: frei. Endlich hat man statt der Computermaus Stifte und Feder in der Hand! Und man beschäftigt sich nicht mit Notwendigem wie Berufsarbeit oder Reifenwechsel, sondern mit Überflüssigem, der Schönheit eines handgeschriebenen Buchstabens beispielsweise. Denn durch maschinelle Schriftproduktion ist das händische Schreiben überflüssig und somit erst zur Kunstform, zur Kalligraphie geworden: im 16. Jahrhundert die Buchschriften, derzeit in einem letzten Schritt die Schreibschriften. Die im Hintergrund sichtbare Englische Schreibschrift (Copperplate), war im 18. und 19. Jahrhundert die Gebrauchsschrift des britischen Empires für Handelsbücher, Verträge oder Rechnungen. Daher rief noch vor zehn Jahren der britische Kalligraph Donald Jackson empört: "Copperplate is NOT calligraphy!"

  Genauso wie Kupferstich, Lithographie oder analoge Fotografie wechselt heute aber auch die Handschrift vom Nützlichen des Alltagsgebrauches ins Überflüssige der bildenden Künste. Hier kann spielerisch verändert, überhöht und interpretiert werden und die entstehenden Werke sind allein durch die Zufriedenheit, die ihre Kreation und Betrachtung in uns auslöst nützlicher als jeder verzweifelte Konsum. Copperplate IS calligraphy.   E.P.

 

Geleitwort zum Kursprogramm 1/2018 des Bildungshauses Klosterneustift